STLP-Stellungnahme „Assistierter Suizid“

Stellungnahme des Steirischen Landesverbands für Psychotherapie (STLP) Betreff: Verfassungsgerichtshof-Entscheidung zu § 77 und § 78 StGB vom 11. Dezember 2020

Am 11. Dezember 2020 hat der VfGh (Verfassungsgerichtshof) festgehalten, dass der § 78, 2. Tatbestand Strafgesetzbuch (Hilfeleistung beim Suizid) verfassungswidrig und daher aufzuheben ist. Weiters sieht der VfGh die folgenden Gesetze als verfassungskonform: § 78, 1. Tatbestand (Verleitung zum Selbstmord) und der § 77 (Tötung auf Verlangen)

Der steirische Landesverband für Psychotherapie ist Interessens- und Berufsgruppenvertetung von über 780 Psychotherapeut*innen aus der Steiermark. Unsere Mitglieder handeln in ihrem Beruf nach dem Psychotherapiegesetz in dem es unter §1 über das Ziel von Psychotherapie heißt: “(…) Behandlung von psychosozial oder auch psychosomatisch bedingten Verhaltensstörungen und Leidenszuständen mit wissenschaftlich-psychotherapeutischen Methoden in einer Interaktion zwischen einem oder mehreren Behandelten und einem oder mehreren Psychotherapeuten mit dem Ziel, bestehende Symptome zu mildern oder zu beseitigen, gestörte Verhaltensweisen und Einstellungen zu ändern und die Reifung, Entwicklung und Gesundheit des Behandelten zu fördern.”

Im Rahmen unserer Arbeit haben wir als Psychotherapeut*innen immer wieder mit Menschen mit Suizidgedanken zu tun. Diese Suizidgedanken sind sehr häufig Ausdruck einer psychischen Erkrankung oder haben eine solche als Auslöser. Wie im Psychotherapiegesetz verankert, ist ein Ziel unserer Tätigkeit das Ändern von Einstellungen bzw. individuellen Sichtweisen. Basierend auf unseren beruflichen Erfahrungen können wir bekräftigen, dass es sich bei Suizidgedanken in der Regel um “nicht-dauerhafte” Denkmuster handelt. Bei gesetzlich erlaubten assistierten Suizid stellt der VfGH die Forderung, dass die Entscheidung zum Suizid eine dauerhafte Willensentscheidung sein muss. Wir weisen darauf hin, dass sich solche Wünsche durch Psychotherapie oder auch u. a. psychiatrische und palliativmedizinische Behandlung stark beeinflussen lassen und in der Regel eine Momentaufnahmen darstellen.

Allgemein wird in der Diskussion über Suizid immer wieder der Begriff der persönlichen Autonomie in Verbindung gebracht. Unserer Expertise nach sollten verstärkt Fachleute aus den Bereichen Psychotherapie, Psychiatrie und Palliativmedizin in die Bewertung bzw. Entwicklung bestimmter Gesetzesentwürfe verstärkt in einer beratenden Funktion hinzugezogen werden. Zudem wollen wir darauf hinweisen, dass die Diskussion mit einem starken Fokus auf die persönliche Willensentscheidung einerseits verständlich, andererseits aber medial ein einseitiges Bild auf die Betroffenen wirft. Seelische Erkrankungen wie z. B. die Depression, die sehr häufig in Zusammenhang mit Suizidentscheidungen steht, sind behandelbar. Weiters sind von Depressionen auch Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen betroffen. In der Bewertung von Suizidwünschen von körperlich erkrankten Menschen, muss aus unserer Sicht diese Komorbidität immer berücksichtigt werden.


Der Steirische Landesverband für Psychotherapie tritt dafür ein, dass bei der Neufassung des § 78 StGB besonderes Augenmerk auf die Sicht von psychotherapeutischen, psychiatrischen und palliativmedizinischen Aspekten gelegt werden muss. Weiters soll die neue gesetzliche Regelung von assistiertem Suizid ganz klare und eindeutige Formulierungen der Begriffe “dauerhafte Willens” und “Verleiten zum Suizid” enthalten. Die neue Ausarbeitung sollte bestmöglich in Abstimmung von Professionist*innen aus den Bereichen Psychotherapie, Psychiatrie, Psychologie und Palliativmedizin erfolgen. Für die betroffenen Personen sollte unbedingt ein verpflichtender Zugang zu den bereits genannten Behandlungsangeboten eingeführt werden. 


 


Erstellt am März 22, 2021